Undogmatische Malereien
Zu den Werken von Ulrich Kellermann

Bilder müssen schnell sein! lhre Botschaften müssen einschlagen wie ein Blitz aus heiterem Himmel! In Sekundenbruchteilen gilt es, auch den Vorbeirasenden die gewünschten Konsumkommandos einzutrichtern! - Solche und andere Prinzipien der Kommunikationsgesellschaft verlangen Eindeutigkeit: Die Menschen müssen schön, stark und dynamisch sein. Das Wasser muss klar, perlend und erfrischend sein. Und alle Wiesen sind grün, saftig und weich. Einfache Typen für banale Aussagen und Absichten.

Die traditionelle Malkultur und Bildästhetik wird von einer solchen Banalität des Plakativen grundsätzlich in Frage gestellt. Doch fordert die Bildwelt der kommerziellen Oberflächlichkeit eine visuelle Gegenkultur förmlich heraus. Denn jenseits ideologischer und ökonomischer ldealwelten des moralischen oder konsumtiven Realismus gibt es noch tiefe, trübe, helle und tausendfach andere Farbtöne. Jenseits der informativen Vordergründigkeit ist das Banale einfach und doch komplex zugleich. Jenseits aller scheinbar wahren Klarheit wartet noch das Unbestimmte und Unergründliche auf aufgeschlossene Geister.

Den am Hochglanzlack der Vorabendsoaps und anderer Weichspüler ermüdeten Augen müssen die Malereien von Ulrich Kellermann wie eine verborgene, ganz fremde Welt vorkommen. Denn hier ist nichts nach Din-Normen geformt: Räume unterliegen der Freiheit ihrer Auflösung, Dinge entwickeln ihre Konturen zu neuen Strukturen, Figuren sind in ständiger Verwandlung begriffen, begegnen ihren Schatten. Und schließlich die Farben: Sie lassen Körper entstehen und machen Stimmungen fühlbar. So findet der Betrachter in den Werken Ulrich Kellermanns keine bildhaften Peitschenhiebe. Ganz im Gegenteil: Der Betrachter fühlt sich an einen unbekannten Ort versetzt. Vorsichtig tastet sich sein suchender Blick von Farbfleck zu Farbfläche, von Figur zum Tisch, von Raum zum Fragment. Und niemand jagt ihn, denn in diesen Bildwelten herrscht ein anderes Zeitgefühl. Eine scheinbar unendliche Offenheit läßt den Betrachter das eine Bild so verstehen und schon bald wieder ganz anders. Hier gibt es kein Meinungsdiktat, hier sind die Gedanken frei und können denken, was sie wollen. Kein Slogan lullt sie ein, kein Titel drängt in breite Geistesströme. Ulrich Kellermanns gänzlich undogmatische Malereien bieten dem Betrachter viele Möglichkeiten des Sehens und Verstehens an.

Seine Motive und Gestaltungsthemen wählt Ulrich Kellermann ähnlich undoktrinär aus. Er will sich nicht festlegen lassen auf einzelne Bildgattungen. Und er ist nicht der Maler, der sich sein Leben lang an einem Thema abarbeitet. Ganz subjektive und zufällige Begegnungen regen Kellermann zu einzelnen Werkgruppen an. Die runden Wangen eines fröhlichen Gesichtes fanden ihren Niederschlag in einer gesonderten Bildfolge. Figurentypen wie Kartenspieler oder Spaziergänger wirken für Kellermann ähnlich inspirierend. Und auch die eindrucksvolle Kontur eines kunsthistorischen Motivs prägte eine zeitlang sein Schaffen. Dabei sind für diese oder auch andere Werke immer der Mensch und sein Erscheinungsbild ein zündender Gedanke. So vieles läßt sich im Menschenbild entdecken und so vieles kann daraus entwickelt werden. Etwa in einer Porträtfolge aus dem Jahre 1992: Hier findet die Fülle eines Gesichtes in vielen Farbschichten zu flaumiger Weiche. Gesicht und Körper gehen eine Synthese ein, und die verschwommenen, ausufernden Augen ähneln lasziv zerflossenen Brüsten. Abgestufte Farbtöne schaffen nervliche Anspannung und eine unterschwellige Hitze läßt von den drallen Backen eine erotische Atmosphäre ausgehen. Ob diese Beschreibung den Absichten Ulrich Kellermanns entspricht, bleibt dahingestellt, und der Künstler redet eher von seiner persönlichen Faszination an eigenwilligen Erscheinungen. Aber der zündende Gedanke geht immer vom Körper aus und jeder Körper ist für Kellermann in einen Erzählzusammenhang eingebunden. Dass die Abstraktion des Figurativen sogar bis zu einem Strich führen kann, schmälert Kellermanns narrative Motivation nicht. Die eigene erlebte Wirklichkeit kann und will er deshalb nicht aus seinem Bilddenken verbannen.

Im Unterschied zu diesen verschiedenen Werkgruppen zieht sich die Auseinandersetzung mit Raumen und Dingen konstant das durch gesamte bisherige Schaffen Kellermanns hindurch. Immer wieder stößt der Betrachter auf Malereien, die man vorschnell als klassische lnterieurs bezeichnen könnte. Es sind allerdings keine gewohnten Zimmereinblicke traditioneiler Art. Denn die gängigen Raumperspektiven werden immer wieder in Frage gestellt. Böden, Wände und Raumdecken werden in diesen Werken gleichberechtigt mit einbezogen und so entwickelt sich manches lnterieur zu einem selbständigen flächigen Ornament. Vielfach aus der majestätischen Vogelperspektive heraus blickt der Künstler aus großzügiger Distanz auf das Geschehen seiner aperspektivischen Raumkompositionen. lmplizit wechselt er damit seine Rolle vom Schaffenden zum Schöpfenden und immer wieder neu wird das Zusammenspiel einzelner bedeutungsvoller Elemente arrangiert. Figuren können kopfüber durch das Ambiente schweben als ob eine geheimnisvolle Bühnentechnik sie trüge und die Relativität der Räumlichkeit demonstriere. Phantasterei ist dabei nur eine Seite dieser Zimmer-Szenerien. Die intensive Rotfärbung eines anderen Werkes eröffnet einen Gefühlsraum, der aus seinem Zwiespalt von Wärme und Stickigkeit lebt.

Fortschreitend werden Mensch und Raum zu komplexen Kompositionen amalgamiert. Je freier Kellermann mit Figuren und Körpern umgeht, desto ungebundener werden die Gestaltungen. Nun scheinen sich gleich mehrere Erzählstränge durch seine Werke hindurchzuziehen. Offene Strukturen überschneiden sich, unterschiedliche Bildebenen und -bühnen werden verkoppelt. Die komplexe Heterogenität dieser Kompositionen macht eine einfache Aussage unmöglich. Diese Werke zielen eher auf einen traumhaften Zusammenschluss der seltsamsten Gedanken, die wie in einem Moment des tiefen Schlafes sich durchdringen. Leichtigkeit und Schwere treten in eine Wechselwirkung, dunkle und helle kräftige Farben begegnen sich unvermittelt. Und wenn auch manches Werk seine Farben zu größter Leuchtkraft trägt und die Lust des Malers an der Farbkraft sich zu überschlagen droht, so sind diese Werke gerade keine Orte besänftigender Harmonie. Vielfältige Gegensätze formaler und motivischer Natur rufen immer wieder neue belebende Fragezeichen in Kellermanns Werken hervor. Und das dekorative Ornament ist nur ein symbolträchtiges Motiv unter vielen anderen im Bildgeschehen. Denn direkt daneben können plötzlich Brüste aus den Wolken heraushängen, oder das ganzfigurige Selbstporträt des Künstlers sieht sich einer überdimensionierten fleischigroten Scheide gegenübergestellt. So legt Kellermann in seinen Werken ein Feld von Symbolen aus, die dem Betrachter kurze oder lange Assoziationsmöglichkeiten an die Hand geben. Aber einer direkten lnterpretation entziehen sich diese Werke. lhre inhaltlichen Möglichkeiten scheinen unendlich zu sein und der Betrachter kann seine eigene Geschichte und seine Erfahrungen in die Darstellungen hineindenken.

Ulrich Kellermanns Gemälde lassen sich nicht in eine der vielen Schubladen der Kunstwissenschaft ablegen. Sie stehen quer zu den Trends der Jahrzehnte und durchstechen gleich eine ganze Reihe von Strömungen. Vieles aus der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts hat Kellermann selbstverständlich während seiner Studien verinnerlicht. So fließen einzelne Wellen des Malstroms der 1980er Jahre auch noch durch die Anfänge seines Werkes hindurch. Manche Manier seiner Malereien ruft den aufgeregten Pinselstrich eines James Ensor in Erinnerung. Der freie Umgang mit Physiognomien wäre für Kellermann ohne Francis Bacon sicherlich undenkbar. Und immer wieder und wohl am entscheidensten hat sich Kellermann von den Werken Henri Matisse'' inspirieren lassen. Doch verarbeitet er all das zu einem ganz eigenen Stil, der die Matisse''sche Konzentration und Klarheit wiederum in Frage stellt. Nicht auf Beruhigung des Auges, sondern auf gedankliche und emotionale lrritation zielen die Werke von Ulrich Kellermann. Der Betrachter wird deshalb auf sich selbst und auf seine eigene Gedankenwelt zurückgeworfen. Was er in den Malereien Kellermanns entdeckt, sagt mehr über ihn selbst aus, über seine Sehnsüchte, Träume und Ängste, als über die Motivation des Künstlers. Die Werke wiederum werden zum Treffpunkt ganz verschiedener Subjektivitäten. Ob sie sich darin berühren, miteinander übereinstimmen, ist fraglich, denn das Verstehen von Form, Farbe, Figur und Raum ist immer individuell. Doch sollte eine solche inhaltliche Offenheit nicht als Ungewinheit mißverstanden werden. Die Werke Ulrich Kellermanns sind zwar titellos. Sie sind aber nicht indifferent. Denn sie alle tragen ein erzählerisches Potential in sich, das so groß ist wie die Zahl ihrer Betrachter. Diese Bildweit kann aber niemand annektieren oder gar instrumentalisieren, weil sie erst durch Subjektivität zum Leben erweckt wird. Damit holt Kellermann die Malerei zurück auf den Boden der Tatsachen: Malerei ist ein Ort der Individualität des Malers und des Betrachters.

Martin Schönfeld (Berlin, 2000)


Allerleirauh
Überlegungen zu den Bildern von Ulrich Kellermann anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Otto-Galerie am 7.9.2011
Prof. Dr. Andreas Kühne

Rudi Tröger hat einmal geäußert – nachzulesen in einem Katalog aus dem Jahr 1977 des „Kunstraums München“ – „dass in der Malerei ein Ding nicht allein existieren kann, das alles in Beziehung zueinander schwingt, dass ein Ding nicht im Raum isoliert ist, sondern Raum und Ding sich durchdringen.“ Er habe, so Rudi Tröger weiter, immer die Neigung gehabt, die „Summe eines Seh-Erlebnisses sichtbar zu machen. Seh-Erlebnis wird zur Bildidee oder inneres Bild wird zum Seh-Erlebnis“.
Beide Äußerungen Rudi Trögers, die uns einen Einblick in den Werdegang von Bildern vermitteln, scheinen mir unmittelbar und ohne metaphorische Umdeutungen auch auf die Arbeiten von Ulrich Kellermann zuzutreffen, der von 1984 bis 1990 bei Rudi Tröger studiert hat. Nicht, dass damit seine Malerei erklärt wäre. Nein, es wird nur eine Spalt geöffnet, der unseren Blick hineinführt in die Vorstellungs- und Bildwelt von Ulrich Kellermann, von dem ausgehend, man sich selbst weiter vortasten, und die von ihm dargestellten und be-handelten Dinge sinnlich und gedanklich be-greifen kann.
In den Vorlesungen des Kunstwissenschaftlers Robert Kudielka an der Berliner Hochschule der Künste, hätten ihn, so hat Ulrich Kellermann es mir erzählt, vor allem dessen Reflexionen über die Malerei des Stillebens interessiert. Lässt man den Blick hier in der Galerie über seine Bilder wandern, wird schnell klar warum das so ist. Viele von Kellermanns Bildern sind Stilleben, auch wenn ihr Gegenstand Menschenpaare, Pflanzen oder Tiere sind. Sie gruppieren Dinge zueinander und umeinander oder zerstören ihre Ordnungen, auf jeden Fall schildern sie ganz konkrete Dinge, keine Abstraktionen oder Symbole.
Der Mensch und die Dinge – wie eine bekannte Essaysammlung von Jean Paul Sartre heißt – oder, besser gesagt, der Mensch und seine Dinge, sind ein Generalthema der Bilder von Ulrich Kellermann. Disparates gegenständliches Material wird in eine subjektive gestalterische Ordnung gebracht und damit ein Dialog zwischen Menschen und Dingen begründet. Ich denke hier vor allem an den Fries der „Tisch-Bilder“, auf dem ein alltäglicher Gegenstand immer wieder neu gesehen wird. Banale, alltägliche, schon tausendmal Begriffene Gegenstände, aber auch Spektakuläre und Singuläre bekommen neue und zusätzliche Bedeutungen.
Kellermann begegnet den Dingen immer wieder aufs Neue, so, als würde er sie zum ersten Mal erleben, als würde er ihre Gesetze noch nicht kennen. Manchmal leisten die Dinge auch Widerstand, sie müssen es sich zwar gefallen lassen, in Bilder verwandelt zu werden, aber sie führen ein Eigenleben, sie lassen sich nicht in einfach lesbare Metaphern verwandeln. Der Mensch und die Dinge sind unhintergehbar aufeinander bezogen, so formulierte es Sartre. Die Dinge, ver-bergen und ent-bergen, sie enthüllen und sie decken auf.
Taucht man tiefer in diese Bilderwelt hinein, oder besser hinab, oder gleitet über sie hinweg, wird schnell deutlich, dass viele, der von ihm arrangierten Dingwelten zugleich Vanitas-Symbole sind, die uns die Vergänglichkeit der Dinge mal auf schmerzliche, mal auf humorvolle oder ironische Weise bewusst machen.

„Meine Absicht ist es“, meint Kellermann, „Ensembles von Dingen zu erfinden und mit ihrer Hilfe Geschichten zu erzählen“. Die Geschichten entstehen aus Seh-Erlebnissen im Alltag oder auf den vielen Reisen, darunter auch Weltreisen, die er unternommen hat.
Aber die Dinge befinden sich nicht isoliert im Raum – siehe Rudi Tröger. Um benutzt, bestaunt, geliebt oder verachtet werden, müssen sie sich in einer bestimmten Raum-Ordnung oder auch Un-Ordnung befinden. Zu seinen Figuren hat sich Ulrich Kellermann immer bekannt, auch wenn sie einigen Kritikern obsolet und anachronistisch erschienen. Unter ihnen befindet sich sein alter ego, das er in mehreren Selbstbildnissen festzuhalten versucht hat. Wenn er zur reinen Abstraktion gelangte, war dies vor allem eine emotionale, keine rationale Entscheidung.
Kellermanns Figuren träumen, geben sich Tagträumen, haben ein glückliches Lächeln auf den Lippen oder werden von Albträumen gepeinigt. Ihre verborgene Welt, d.h. die Welt des Unbewussten und des Unterbewussten ist eine weitere Quelle, aus der Ulrich Kellermann die Anregungen für seine Bilder gewinnt. Die Brüche und kruden Ungereimtheiten, die dabei zutage treten, versucht er nicht zuzudecken und zu glätten, zu kontrollieren und zu zensieren, sondern sichtbar und spürbar werden zu lassen.
Aus den dunklen Schlünden und Abgründen ins Helle tretend, werden wir mit einer unspektakulären Natur konfrontiert. Mit Teichen, Hügeln, und Hochgebirgen und Sommerblumen, Tieren und Kobolden. Mit ihnen und zwischen ihnen erschafft Kellermann ein eigenes Naturreich, das sich, gespeist von Formen und Fragmenten der erlebten Natur, parallel zu ihr entwickelt.

Eine weitere Inspirationsquelle war für Ulrich Kellermann die Literatur, darunter Balzac und Thomas Manns, insbesondere der „Zauberberg“. Klingende, tiefe, beschwingt davoneilende Worte waren es, die ihm die Kraft gaben, sie in Bilder zu verwandeln. In bildnerische Ideen, die während des Schaffensprozesses lebendig bleiben. Neuerdings schwindet der Einfluss der Literatur auf seine Bilder wieder. Das mag damit zu tun haben, dass er versucht, das rationale Element in seiner Kunst zurückzudrängen und die Macht der Kontrollmechanismen zu einzuschränken.

Ulrich Kellermann arbeitet mit Ölfarben und Pigmenten und mit Schablonen aus Pappe und Papier. Die Schablonen dienen ihm dabei als eine Art Stempel. Mit ihrer Hilfe entstehen Zeichen als Repräsentanten von Wirklichkeit, die per se ambivalent ist. Diese Weite und Offenheit spiegelt sich auch in der Wahl seiner künstlerischen Leitfiguren wieder. Sie reicht von Matisse und Arnulf Rainer bis zu Salome und Sigmar Polke. Rudi Tröger habe ich bereits erwähnt. Ihn schätzt er sowohl als Künstler als auch als Lehrer. Er habe den Studenten immer viel Freiheit gelassen. Er habe ihm gesagt: „Machen Sie mir keine Kunst, bleiben sie immer ganz bei sich“.

Bei sich geblieben ist Ulrich Kellermann bis heute. Seine Bilder tragen ein erzählerisches Potential in sich, „das so groß ist, wie die Zahl ihrer Betrachter“ (Martin Schönfeld, 2000). Sie wollen uns nicht überwältigen, weder durch schiere Größe, noch durch eine Ästhetik des Erhabenen. Wenn unser suchender Blick sich auf diesen allerleirauhen Flächen vorwärtsbewegt, von Form zu Form, von Farbfleck zu Farbfleck von der Figur in den Raum und von dort wieder zurück, dann hat uns niemand manipuliert oder zu überzeugen versucht. Alleinfalls verzaubert und unseren Blick verändert. Wir sind in eine „Entschleunigungsoase“ getaucht worden, in der ein anderes Zeitgefühl herrscht als in der Alltagwelt. In einen Raum, in dem sich Poesie und Malerei bruchlos verbinden.